„Ich habe Schnittverletzungen an den Armen meiner Tochter entdeckt.“
„Mein Sohn trägt plötzlich immer lange Kleidung.“
„Ich verstehe nicht, warum jemand sich selbst wehtun würde.“
Für Eltern ist die Entdeckung von Selbstverletzungen häufig ein sehr belastender Moment. Neben Sorge entstehen oft starke Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit, Wut oder Schuldgefühle.
Viele Eltern fragen sich:
„Habe ich etwas übersehen?“
„Warum macht mein Kind so etwas?“
„Wie kann ich helfen?“
Selbstverletzendes Verhalten wirkt von außen oft schwer verständlich. Für betroffene Kinder und Jugendliche erfüllt es jedoch häufig eine wichtige Funktion – auch wenn diese auf den ersten Blick nicht sichtbar ist.
Was bedeutet Selbstverletzung?
Unter Selbstverletzung versteht man absichtliche Verletzungen des eigenen Körpers, ohne dass dabei zwangsläufig eine Absicht besteht, das eigene Leben zu beenden.
Mögliche Formen können sein:
- Schneiden oder Ritzen
- Kratzen
- Schlagen
- Beißen
- Verbrennen
- andere Formen der absichtlichen Selbstverletzung
Wichtig ist:
Nicht jede Selbstverletzung bedeutet automatisch, dass eine suizidale Absicht vorliegt.
Gleichzeitig sollten Selbstverletzungen immer ernst genommen werden.
Warum verletzen sich Kinder und Jugendliche?
Für Außenstehende wirkt Selbstverletzung häufig unverständlich.
Viele Jugendliche beschreiben jedoch, dass sie sich in bestimmten Situationen innerlich überwältigt fühlen.
Selbstverletzungen können verschiedene Funktionen erfüllen.
Zum Beispiel:
Gefühle regulieren
Manche Jugendliche erleben:
- starke innere Anspannung
- Wut
- Angst
- Traurigkeit
- innere Leere
Die körperliche Verletzung kann kurzfristig dazu führen, dass die innere Belastung für einen Moment nachlässt.
Sich selbst wieder spüren
Einige Jugendliche berichten:
„Ich habe mich innerlich leer gefühlt.“
Die körperliche Empfindung kann dann vorübergehend das Gefühl vermitteln, sich wieder wahrzunehmen.
Belastungen ausdrücken
Nicht alle Kinder und Jugendlichen finden Worte für das, was sie fühlen.
Manchmal wird etwas sichtbar, das innerlich kaum ausgedrückt werden kann.
Was Eltern häufig denken
Eltern fragen sich oft:
„Macht mein Kind das nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen?“
„Warum spricht es nicht einfach mit uns?“
„Haben wir versagt?“
Diese Gedanken sind verständlich.
Selbstverletzungen entstehen jedoch meist nicht aus dem Wunsch heraus, andere zu manipulieren oder Aufmerksamkeit zu erzwingen.
Häufig steckt eine erhebliche seelische Belastung dahinter.
Und selbst wenn hinter einem Verhalten der Wunsch nach Aufmerksamkeit stehen sollte:
Aufmerksamkeit ist kein Zeichen von Schwäche. Sie kann Ausdruck eines Bedürfnisses nach Unterstützung sein.
Wie sollten Eltern reagieren?
Die erste Reaktion ist häufig Schock.
Viele Eltern reagieren verständlicherweise mit:
- Vorwürfen
- Kontrolle
- Panik
- Verboten
- intensivem Nachfragen
Auch wenn diese Reaktionen aus Sorge entstehen, können sie dazu führen, dass Jugendliche sich weiter zurückziehen.
Hilfreicher kann sein:
Ruhig bleiben
Auch wenn dies schwerfällt:
Versuchen Sie zunächst, Sicherheit und Interesse zu vermitteln.
Zum Beispiel:
„Ich habe bemerkt, dass es dir gerade nicht gut geht. Ich mache mir Sorgen und möchte verstehen, wie ich dich unterstützen kann.“
Nicht verurteilen
Sätze wie:
- „Wie konntest du so etwas tun?“
- „Versprich mir sofort, nie wieder so etwas zu machen.“
können zusätzlichen Druck erzeugen.
Zuhören statt sofort Lösungen anzubieten
Jugendliche brauchen häufig zunächst das Gefühl, verstanden zu werden.
Wann sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden?
Unterstützung sollte in Anspruch genommen werden, wenn:
- Selbstverletzungen wiederholt auftreten
- die Verletzungen schwerer werden
- starke emotionale Belastungen bestehen
- sozialer Rückzug zunimmt
- Ängste oder depressive Symptome auftreten
- Gedanken geäußert werden wie:
„Ich möchte nicht mehr da sein.“
Solche Aussagen sollten immer ernst genommen werden.
Wie kann Psychotherapie helfen?
In der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie geht es nicht darum, Selbstverletzungen einfach zu verbieten.
Vielmehr steht die Frage im Mittelpunkt:
Welche Gefühle oder Belastungen stehen dahinter?
Kinder und Jugendliche können lernen:
- Gefühle besser wahrzunehmen
- Anspannung frühzeitig zu erkennen
- alternative Strategien zu entwickeln
- belastende Situationen zu bewältigen
- Selbstwert und Selbstfürsorge aufzubauen
Auch Eltern können dabei unterstützt werden, angemessen mit der Situation umzugehen.
Abschließende Gedanken
Selbstverletzungen sind häufig kein Wunsch nach Aufmerksamkeit, keine Provokation und kein Zeichen von Schwäche.
Oft sind sie ein Versuch, mit etwas umzugehen, das sich innerlich kaum aushalten lässt.
Je früher Belastungen erkannt und ernst genommen werden, desto besser können Kinder und Jugendliche lernen, andere Wege im Umgang mit schwierigen Gefühlen zu entwickeln.
