„Seit dem Unfall ist mein Kind irgendwie nicht mehr dasselbe.“
„Früher war sie offen und fröhlich – jetzt erschrickt sie ständig.“
„Er möchte plötzlich nicht mehr alleine schlafen.“
Belastende Erlebnisse gehören leider manchmal zum Leben dazu. Viele Kinder und Jugendliche erleben Situationen, die sie zutiefst verunsichern oder überfordern. Dazu können beispielsweise Unfälle, körperliche Gewalt, Mobbing, Verluste, medizinische Eingriffe, häusliche Konflikte oder andere erschütternde Erfahrungen gehören.
Nicht jedes belastende Ereignis führt zu einer psychischen Erkrankung. Viele Kinder verarbeiten schwierige Erfahrungen mit Unterstützung ihrer Familie und ihres Umfeldes gut. Manchmal gelingt dies jedoch nicht ausreichend – und das Erlebte wirkt lange nach.
Dann kann sich eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln.
Was bedeutet Trauma eigentlich?
Ein Trauma beschreibt eine Situation, die so überwältigend oder bedrohlich erlebt wird, dass die gewohnten Möglichkeiten der Verarbeitung nicht ausreichen.
Wichtig dabei:
Nicht das Ereignis allein entscheidet darüber, ob etwas traumatisch erlebt wird – sondern auch, wie ein Kind die Situation erlebt, welche Unterstützung vorhanden ist und welche individuellen Voraussetzungen bestehen.
Kinder können auf dieselbe Situation sehr unterschiedlich reagieren.
Wie zeigt sich eine PTBS bei Kindern und Jugendlichen?
Kinder und Jugendliche zeigen traumatische Belastungen häufig anders als Erwachsene.
Mögliche Anzeichen können sein:
Wiedererleben des Ereignisses
- belastende Erinnerungen
- plötzlich auftretende Bilder im Kopf
- Albträume
- intensive Angstreaktionen
- sogenanntes „Wiedererleben“ bestimmter Situationen
Manchmal wirkt es, als würde das Kind die Situation erneut erleben.
Vermeidung
Kinder versuchen oft, alles zu meiden, was sie an das Ereignis erinnert:
- bestimmte Orte
- Gespräche
- Personen
- Situationen
- Gefühle
Kurzfristig kann dies entlasten – langfristig bleibt das Erlebte jedoch häufig unverarbeitet.
Anhaltende innere Anspannung
Mögliche Anzeichen:
- Schreckhaftigkeit
- Schlafprobleme
- Reizbarkeit
- Konzentrationsschwierigkeiten
- starke Unruhe
- körperliche Beschwerden
- Ängste
Besonders kleinere Kinder können auch wieder Verhaltensweisen zeigen, die bereits überwunden waren, beispielsweise verstärkte Anhänglichkeit oder erneutes Einnässen.
„Mein Kind spricht gar nicht darüber“ – bedeutet das, dass alles verarbeitet wurde?
Viele Eltern glauben: Wenn Kinder nicht darüber sprechen, geht es ihnen besser.
Das ist verständlich – trifft jedoch nicht immer zu.
Gerade Kinder und Jugendliche versuchen häufig, belastende Erinnerungen wegzuschieben. Manche möchten ihre Eltern schützen, andere finden keine Worte für das, was sie erlebt haben.
Nicht darüber zu sprechen bedeutet deshalb nicht automatisch, dass keine Belastung vorhanden ist.
Was können Eltern tun?
Eltern fühlen sich häufig hilflos und wünschen sich vor allem, dass ihr Kind möglichst schnell wieder „normal“ wird.
Hilfreich kann sein:
Gefühle ernst nehmen
Statt:
„Du musst keine Angst haben.“
kann hilfreicher sein:
„Ich merke, dass dich das gerade sehr belastet.“
Sicherheit vermitteln
Kinder brauchen häufig:
- verlässliche Strukturen
- feste Bezugspersonen
- Ruhe
- Vorhersehbarkeit
- Geduld
Nicht drängen
Gut gemeinte Fragen wie:
„Erzähl doch endlich, was passiert ist.“
können manchmal zusätzlichen Druck erzeugen.
Kinder sollten selbst bestimmen dürfen, wann und wie viel sie erzählen möchten.
Wie kann Psychotherapie helfen?
In der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie geht es zunächst darum, Sicherheit und Stabilität aufzubauen.
Erst wenn ausreichend Stabilität vorhanden ist, kann das belastende Erleben behutsam verarbeitet werden.
Je nach Alter und individueller Situation können unterschiedliche Methoden eingesetzt werden.
Mögliche Schwerpunkte sind:
- Gefühle besser verstehen
- Ängste reduzieren
- hilfreiche Bewältigungsstrategien entwickeln
- Selbstwirksamkeit stärken
- belastende Erinnerungen verarbeiten
EMDR – Was ist das?
EMDR steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ (Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen).
EMDR ist ein wissenschaftlich untersuchtes Verfahren, das unter anderem bei Traumafolgestörungen eingesetzt wird.
Vereinfacht beschrieben geht man davon aus, dass belastende Erfahrungen manchmal nicht ausreichend verarbeitet werden und gewissermaßen „feststecken“ können. In der Therapie werden belastende Erinnerungen in einem geschützten Rahmen aktiviert und gleichzeitig durch bestimmte bilaterale Reize begleitet – beispielsweise durch Augenbewegungen, Berührungsimpulse oder akustische Signale.
Ziel ist nicht, Erinnerungen zu löschen oder zu vergessen.
Vielmehr soll die Erinnerung an Belastendes ihren überwältigenden Charakter verlieren und besser verarbeitet werden können.
Bei Kindern wird EMDR altersgerecht angepasst und häufig spielerisch gestaltet.
Wann sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden?
Eine Unterstützung kann sinnvoll sein, wenn:
- Belastungen über mehrere Wochen bestehen
- Ängste deutlich zunehmen
- Schlafprobleme anhalten
- starker Rückzug entsteht
- Schule oder Alltag beeinträchtigt werden
- plötzlich starke Verhaltensveränderungen auftreten
Frühe Unterstützung kann dazu beitragen, langfristige Belastungen zu reduzieren.
Abschließende Gedanken
Kinder verfügen häufig über erstaunliche Fähigkeiten, schwierige Erfahrungen zu bewältigen – besonders dann, wenn sie sich verstanden und sicher fühlen.
Belastende Erlebnisse müssen nicht die weitere Entwicklung bestimmen. Mit Unterstützung, Zeit und geeigneten therapeutischen Möglichkeiten können Kinder und Jugendliche lernen, Erlebtes zu verarbeiten und wieder Vertrauen in sich selbst und ihre Umgebung zu entwickeln.
